Eigenhirntherapie

Bild: Idhren
In Mark Twains “Die Abenteuer des Huckleberry Finn” treffen Huckleberry Finn und Jim während ihrer Reise auf zwei Betrüger, genannt der Herzog und der König. Ihre adlige Abstammung ist nur eine von vielen Lügen, die sie während der im Buch beschriebenen Episoden auftischen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Aufführung von schlechten Theaterstücken, mit denen sie die Einwohner kleinerer Städte um ihr Geld prellen. Sie sind eine literarische Verkörperung der legendären Schlangenölverkäufer des Wilden Westens, die von Ort zu Ort zogen und den ungebildeten Siedlern des Westens Schlangenöl als Heilmittel für alle denkbaren Krankheiten verkauften. Der Trick funktionierte, da die Betrüger zu dem Zeitpunkt, als ihre Opfer merkten, dass das Schlangenöl ihre Beschwerden natürlich nicht lindern konnte, längst über alle Berge waren.
Schon damals wird das “Geschäftsmodell” dieser Betrüger davon gestützt worden sein, dass jeder schon von der Tante eines entfernten Verwandten gehört hat, dass der Nachbar eines Schwagers seinen Blasenstein mit der Hilfe der Elixiere dieser reisenden Quacksalber geheilt hat. Solche Hörensagen-Geschichten, die aus vermeintlich vertraulichen Quellen stammen, sind integraler Bestandteil jedes langfristigen Betrugs, der darauf basiert, Leuten Geld aus den Taschen zu ziehen auf einem Gebiet, über das diese selber nicht viel wissen.
Heute in unserer modernen Gesellschaft, in der Jeder etliche Jahre Schuldbildung genossen hat, erscheinen uns solche Geschichten und die Opfer in ihnen mindestens naiv, wenn nicht gar dumm. Wie konnten Huckleberry und Jim solchen windigen Gesellen aufsitzen? Wer konnte je wirklich annehmen Schlangenöl bewirke irgendetwas im menschlichen Körper? Das passiert uns heute garantiert nicht mehr mit all unserem modernen Wissen. Nun, der Herr auf dem Foto da oben ist James Randi; einer der wohl bekanntesten Skeptiker der Welt und er erzählt bereitwillig jedem, der bereit ist zuzuhören, über die modernen Schlangenöle, die auch heute noch an gutgläubige Menschen verkauft werden mit dem Versprechen, so gut wie alle Krankheiten heilen zu können. Sie heißen eben heute nur anders.
Eines der Lieblingsthemen von Randi ist die Homöopathie. Auf dem Foto ist er gerade dabei, eine stattliche Anzahl von homöopathischen Schlaftabletten (Hauptwirkstoff laut Packung: Koffein) zu schlucken – weit mehr als die laut Packung verordnete maximale Dosis. Eine Demonstration der Wirkungslosigkeit mindestens des verwendeten Präparats, die Randi mittlerweile zu quasi jeder Gelegenheit wiederholt und vorzuführen bereit ist. Das angenehme dabei ist, dass Randi einer derjenigen ist, die völlig unaufgeregt und entspannt über die Wirkungslosigkeit der Homöopathie reden können. Eine Gabe, die nicht jedem heutzutage zuteil zu sein scheint.
Der Vorteil, den wir heute gegenüber Huckleberry Finn und den armen Seelen des Wilden Westens haben, ist einerseits, dass Huckleberry Finn eine erfundene Figur ist, so dass wir dank Mark Twain mehr Einsicht haben in die Betrügereien des vermeintlichen Adels und zum anderen sind all diese Geschichten lange her. Genug Zeit um die Behauptungen der Schlangenölverkäufer zu untersuchen und zu wissen, dass die Behauptungen nicht wahr waren. Diese Vorteile haben wir jedoch nicht, wenn es darum geht, Betrügereien gleicher Art zu erkennen, die uns als vermeintliche Wissenschaft begegnen. Wir haben keinen Mark Twain im Ohr, der uns die andere Seite zuflüstern kann, wenn unser Hausarzt uns das Wundermittel “völlig ohne Nebenwirkungen” empfiehlt. Wir wissen nichts über die ganzen bunten Verpackungen und wohlklingenden Namen, die unser Apotheker uns aufstapelt, wenn wir uns über die Kopfschmerzen beschweren, die uns das letzte Medikament bereitet hat.
Nicht hilfreich ist dabei, dass die modernen Verkäufer von modernen Schlangenölen ebenfalls dazu gelernt haben. Sie sind organisiert – sie haben Lobbies in der Politik, sie haben Geld. Es gibt keine Sheriffs, die aufgeflogene Betrüger aus der Stadt jagen (im günstigsten Fall). Wir sind selbstverantwortlich, weil wir jahrelang dafür gekämpft haben in einer individuellen Gesellschaft leben zu dürfen. Mit dieser Freiheit entsteht jedoch auch die persönliche Verantwortung, sich zu informieren. Die Unmöglichkeit sich über alles, was in unserer modernen Welt existiert, zu informieren, führt uns wieder zurück zu den vermeintlich vertrauenswürdigen Quellen. Plötzlich ist sie wieder da: Die Tante eines entfernten Verwandten, die gehört hat, dass der Nachbar eines Schwagers seinen Blasenstein mit den Globuli seines Hausarzts geheilt hat.
Jeder hat diese Geschichten in seinem Freundeskreis – sie sind überall. Akupunktur hätte dies, Homöopathie hätte das – ganz wirklich hat mein Horoskop mir geholfen, ehrlich. Diese Diskussionen enden meist auf zwei Weisen – die Skeptiker dieser Praktiken nicken entweder höflich und wechseln schnell das Thema (aus verschiedenen Gründen ratsam) oder der Abend endet in einer hitzigen Debatte über “Intoleranz”, “engstirniger Weltsicht”, “Wissenschaftsfeindlichkeit” und “Dummheit” (Quiz für zwischendurch: Welches der vier Totschlagargumente ist wohl welcher Seite zuzuschreiben?).
Ginge es nach mir, so würden alle, die bei ernsthaften Krankheiten, gerade bei Kindern, ernsthaft homoöpathische Mittel gegenüber Arzneien mit wirklicher Wirkung empfehlen oder verschreiben, mindestens für unterlassene Hilfeleistung angezeigt. Gleich nach Impfgegnern und Leuten, die ihre Kinder zu sogenannten Masernparties schicken. Für mich ist Homoöpathie (ebenso z.B. wie Akupunktur) Scharlatanerie und es stört mich, wenn meine Regierung es gesetzlichen Krankenkassen vorschreibt, Zuzahlungen an Leute zu leisten, die vor 200 Jahren noch von Stadt zu Stadt zogen und so taten als wären ihre Elixiere Wunderheilmittel.
Was mich aber noch viel mehr stört ist der Glaubenskrieg, der regelmäßig, wenn das Thema mal wieder hochkocht, auf Seiten der Homöopathieverfechter und der -gegner geführt wird. Dank des Internets sind schnell ein paar Zeilen Halbwissen ins Blog getippt, auf der anderen Seite passiert das gleiche und schon innerhalb des ersten Absatzes wirds persönlich. Da schreibt Johnny bei Spreeblick einen mehr als schwammigen Artikel über Homoöpathie, vergisst dabei klar Stellung zu beziehen (ein großer Fehler, wenn man es mit überzeugten Gegnern zu tun hat) und schon wird jede Zeile zerpflückt als hätte Hitler gerade “Mein erneuter Kampf” veröffentlicht. Dabei hatte der Text, der sicher nicht zu Johnnys besten gehört, eigentlich einen ganz anderen Aufhänger, nämlich den, dass mit der aktuellen Debatte um Homöopathie von einigen anderen Problemen unseres Gesundheitssystems abgelenkt wird.
Diese Grabenkämpfe, die nicht nur völlig unnötig sondern auch kontraproduktiv sind, tragen leider dazu bei, dass die eigentlichen Spinner wie die vernünftigen Menschen dastehen. Ich bin davon überzeugt, dass es jedem Menschen freisteht sein Geld für jedes Wundermittel auszugeben, das er für richtig hält. Kauft er sich überteuerte Zuckerpillen oder lässt sich Nadeln ein paar Millimeter in seine Haut stechen in der Überzeugung diese Dinge bringen ihn voran? So sei es. Das ist genau so sein Recht, wie es meines ist, das nicht zu tun. Wir müssen ganz unbedingt die Schärfe aus der Debatte herausnehmen und uns darauf besinnen, dass Placebos eben auch von Pharmakonzernen verkauft werden, auf deren Präparaten keine “C30″ Verdünnung steht.
Ich würde es gerne sehen, wenn die Zuzahlungen für moderne Schlangenöle jeder Art und Form aus den Katalogen von gesetzlichen Krankenkassen verschwinden. Ebenso würde ich mich freuen, wenn der Kampf um die Anerkennung von Quacksalberei aus den Parteiprogrammen der sog. großen Parteien verschwände. Nur werden diese Dinge alle nicht passieren, wenn alle Beteiligten wie ein aufgeregter Hühnerhaufen umherflattern sobald jemand “Jehova” sagt. Die Aufklärung war doch eigentlich schonmal eine ganz gute Idee – warum nicht einfach entsprechend weitermachen? Dann klappt das alles schon. Und den Rest regelt der Markt, nicht wahr Herr Westerwelle?
Übrigens betreiben die Mädels und Jungs von EsoWatch neben einem aufgeregten Blog auch noch ein gut gepflegtes Wiki. Ein guter Ausgangspunkt, sich selber zu informieren.
PS: Danke an Malte für die Überschrift.
Wenn es Dritte (Kinder, Gesellschaft wegen Wiederauftretens nahezu ausgerotteter Infektionskrankheiten) betrifft, ist sowas natürlich ernsthaft gefährlich.
Alles andere ist mir Rille. “Wer heilt hat recht”, auch wenn die “Heilung” aus Placebo- und anderen Wohlfühleffekten resultiert. Wem’s damit gutgeht, den kann ich lassen, solange keine Dritten … (s. oben).
Drüber lachen kann ich ja trotzdem, wenn mir danach ist.
Schöne Links.
@keano: Ich halte gerade Aussagen wie “Wer heilt hat Recht” oder auch die Abwandlung “Wenn es dem Patienten nützt…” für gefährlich, da gerade die Zuckerkügelchen einen falschen Sinn von Heilung vorspiegeln, der dann dazu führt, dass man ihnen mehr zutraut als sie eigentlich können (nichts). Sicherlich ist es schön, dass es Leuten mit homöopathischen Mittelchen im Medizinschrank besser geht nach einer Weile. Das bestreitet auch niemand. Nur wenn es missionarischen Eifer annimmt, diese “Erfolge” als Beweis hinzustellen und anderen aufzudrücken, dann wirds problematisch. Und dazu gehört auch die Verbreitung von Totschlagargumenten wie “Wer heilt hat Recht”. Denn so ist es leider nicht.
Das ist ein schöner Artikel und in unserem Wiki steckt wirklich eine Menge Arbeit.
Wenn man dem Mainstream- “Wer heilt hat recht”-Gesabbel nicht widerspricht, sind die eigentlichen Spinner erst recht die Nutznießer.
Ich seh das auch gar nicht so ernst. Der Herr Haeusler hat Mist geschrieben und ich habe es in unserem Blog versucht zu zerpflücken. Was ist daran schlimm? Wir machen gern Medienkritik.
http://blog.esowatch.com/?p=1686
Wer Blödsinn schreibt, hat mit Reaktionen zu rechnen, das ist doch das schöne am Netz.
Ich schreibe auch nicht über Jamba-Abos.
@cohen: Kritik ist wichtig und unbedingt angebracht. Auch, und gerade, Medienkritik. Allerdings wirst Du sicherlich zugeben, dass zwischen dem von Dir verlinkten Artikel betreffs des Bayrischen Rundfunks und Deinem Artikel gegen Johnnys Text in der Tonalität ein gewaltiger Unterschied besteht. Ist der eine süffisant und mit einer humorvollen Distanz geschrieben, überschlägst Du Dich im Artikel gegen Johnny geradzu in Adjektiven, die man schnell persönlich nehmen kann (“ignorant”, “saturiert”, “doof”). Und genau dieser Unterschied ist es, der für mich eine gerechtfertigte Kritik, die in beiden Fällen angebracht ist, dann kaputt macht.
Die Kritik am BR ist wirkungsvoll, weil sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen die Fehler und Auslassungen aufzählt und die Argumente darin verpackt. Die Schmähkritik gegen Johnny wirkt dagegen wie ein wütend dahingeschriebener Text, der eine persönliche Abneigung gegen den Autor vermuten lässt (mag nicht so sein, wirkt auf mich aber so). Und das ist nicht hilfreich.
@robert “Wer heilt hat recht” im Sinne von: wenn jemand sich so behandeln lassen möchte, und es ihm damit gut geht, ist für mich alles im Lack. Es gibt Leute, die glauben an Bachblüten, es gibt andere, die glauben an unbefleckte Empfängnis – sollen sie doch, solange keine Dritten … etc.
Klar kann man argumentativ bzw. aufklärerisch dagegen angehen, man muss es aber nicht.
Und in einem gebe ich Johnny Haeusler recht: es gibt wirklich dringendere Probleme in unserer Gesellschaft.
@keano: Wie gesagt: Solange es privat bleibt, gebe ich Dir da vollkommen Recht. Steht es aber im Katalog einer Krankenkasse, dann habe ich damit ein Problem, wenn meine Beiträge anteilig an Betrüger ausgeschüttet werden – auch wenn es nur x Cents sind. Und sicher gibt es dringendere Probleme – aber das heisst ja nicht, dass man nicht drüber reden darf. Und wenn man drüber redet, was man in meinen Augen sollte, dann sollte man dies vernünftig und kritisch tun.
@robert
Klar, da hast Du recht.
“Nachtrag:
Der Blogbeitrag war mit heißer Nadel gestrickt und ich habe mich zu einigen sehr deutlichen Adjektiven hinreißen lassen. Das tut mir mittlererweile leid. Ich habe es nicht so mit den LOHAS und dem postmodernen Zeitgeist. Ich kenne Edzard Ernst als einen anständigen und integren Wissenschaftler und Sachbuchautor. Der Vorwurf der “fast aggressiven Überheblichkeit” sorgte für akutes Tastatur-Tourette. Die nächsten Blogbeiträge werden weniger impulsiv verfasst werden.
Ich habe absolut nichts gegen den Johnny Häuser, ich habe nur etwas gegen schlechte Artikel über Alternativmedizin. Davon gibt es leider viel zu viele.”
http://blog.esowatch.com/?p=1761
@cohen: Schöner Nachtrag. Und ich denke mit dem letzten Satz sind wir uns vollkommen einig. :)
Guter Artikel und viel wahres dran an dem was du schreibst, ich denke die, hitzige, öffentliche Diskussion ist aber gar nicht so falsch, so kristallisiert sich im Besten Fall ein gesunder Mittelweg daraus der meiner Ansicht notwendig ist.
Auf der einen Seite ist es absolut richtig wenn du sagst das es falsch ist wenn Krankenkassen per Gesetz gezwungen werden fragwürdige Heilmethoden zu bezahlen, auf der anderen Seite finde ich es aber auch falsch wenn jemand davon überzeugt ist bzw. es ihm tatsächlich hilft wenn er z.B. Akupunktur gegen seine Kopfschmerzen einsetzt ihm eine Kostenübernahme grundsätzlich zu verweigern.
Denn was wir uns mittlerweile von den Pharmakonzernen einflösen lassen find ich gar nicht mehr schön, aber wie gesagt muss ein gesunder Mittelweg dafür gefunden werden wie die Gesellschaft mit dem fragwürdigen “Übereinsatz” von Antibiotika und der fragwürdigkeit Wirkung von Globuli und Akupunktur umgeht.
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